Beflügelt der Bevölkerungsboom den Gesundheitsmarkt?

Am 11. Juli ist der Weltbevölkerungs-Tag. Mit etwa 2,6 Menschen pro Sekunde oder 80 Millionen pro Jahr wächst die Weltbevölkerung unaufhaltsam dynamisch. Das starke Bevölkerungswachstum hat Auswirkungen auf Krankheitsentwicklungen – ganz besonders in den Emerging Markets. Dort werden dadurch gleichzeitig Innovationen vorangetrieben.

Die Weltbevölkerung wird nach Schätzungen der UN bis etwa 2060 zehn Milliarden übertreffen. Dies ist ein Anstieg um über 150 % gegenüber den vier Milliarden von 1980. Anders als in entwickelten Ländern, in denen die Bevölkerung sogar schrumpft und altert, wachsen die Emerging Markets besonders schnell. Der Blick auf die Emerging Markets und die Auswirkung des demographischen Wandels auf den Gesundheitsmarkt ist daher unabdingbar.

Der epidemiologische Wandel setzt sich fort

Der Bevölkerungsboom hat die Verteilungen und Häufigkeiten von Krankheiten bereits maßgeblich beeinflusst und werden diese immer weiter in Richtung der Emerging Markets verschieben. Dieser epidemiologische Wandel hat bedeutenden Einfluss auf die weltweiten Gesundheitsmärkte und stellt die lokalen Gesundheitssysteme vor große Herausforderungen.
Der Diabetes mellitus ist ein gutes Beispiel für diesen Wandel. Prognosen der internationalen Diabetes Föderation zeigen, dass bis 2045 der weltweite Anteil aller Diabetes-Patienten aus Entwicklungsländern von zwei Drittel auf über drei Viertel ansteigen könnte. Dieser Trend wird vor allem vom Mittleren Osten/Nordafrika und von Südostasien getragen. Neun der zehn Länder mit den meisten Diabetes-Patienten werden 2045 aus den Emerging Markets kommen. Ein ähnliches Beispiel liefert die Adipositas in Mexiko, wo laut OECD mit drei Viertel der Bevölkerung so viele Menschen übergewichtig sind wie in keinem anderen Land. Vor allem die Rate übergewichtiger Kinder ist in Mexiko besorgniserregend hoch, trotz vieler politischer Gegenmaßnahmen wie beispielsweise der 2014 eingeführten Süßgetränkesteuer. Die daraus resultierende Belastung für das mexikanische Gesundheitssystem liegt jährlich zwischen 4,3 und 5,4 Milliarden US-Dollar.

Neue Krankheiten entstehen

Gerade durch den Bevölkerungsboom in den Emerging Markets steigen einerseits Einwohnerzahl und Bevölkerungsdichte in den Städten, andererseits dringen immer mehr Menschen in Lebensräume vor, die historisch weniger vom Menschen besiedelt wurden (z.B. in den Regenwald). Das Leben auf engstem Raum und das Zusammenleben mit anderen Organismen könnte zur Entstehung und Verbreitung neuer, bis jetzt unbekannter Krankheiten beitragen. Da Epidemien und Pandemien immer häufiger ihren Ausgangspunkt in den Emerging Markets haben, sind diese Länder bestrebt, entsprechende Diagnostiken und Therapien voranzubringen und zu erproben.

Innovationsmotoren Emerging Markets

Katalysator für den medizinischen Fortschritt ist vor allem der epidemiologische Wandel. Die Nachfrage nach medizinischen Leistungen wird in den Emerging Markets infolgedessen deutlich zunehmen und die Investitionen in den Gesundheitssektor im Vergleich zu den entwickelten Ländern aufschließen.

Mit ca. 3,5 % vom BIP gibt Indien weniger als ein Drittel des Wertes der entwickelten OECD- Mitgliedsstaaten für Gesundheitsausgaben aus. Von einem Angleichen zu entwickelten Ländern ist in Zukunft auszugehen.

Insbesondere China und Südkorea haben im Bereich Forschung und Entwicklung in den vergangenen Jahren bereits viel geleistet. So wachsen im bevölkerungsreichsten Land der Welt Forschungs- und Entwicklungsausgaben jährlich um über 20 % und werden 2023 etwa ein Viertel der weltweiten Ausgaben ausmachen. In der Medikamentenentwicklung wird bei sinkenden Anteilen an Generika bei zugleich steigenden Neuzulassungen der innovative Charakter dieser Länder deutlich. Insgesamt lässt sich festhalten, dass vor allem Gesundheitsinvestments aus den Emerging Markets mit ihren oft niedrigen Korrelationen zu entwickelten Märkten attraktive Investitionsmöglichkeiten bieten. Ein Beispiel hierfür ist der chinesische Insulinspezialist Tonghua Dongbao, der vor allem in ländlichen Gebieten mit tendenziell schwächerer medizinischer Grundversorgung Marktanteile erschließt. Mit seiner lokalen Expertise verfügt das Unternehmen gegenüber den großen globalen Playern über Wettbewerbsvorteile und ist einer der Profiteure des stark wachsenden chinesischen Marktes für Diabetes. Ein Beispiel aus dem afrikanischen Gesundheitsmarkt stellt das südafrikanische Unternehmen Aspen Pharmacare dar, das größte afrikanische Pharmaunternehmen. Dieses ist auf Generika, die Behandlung von HIV/AIDS und Tuberkulose spezialisiert. Bei der Impfstoffherstellung arbeitet es mit Johnson & Johnson zusammen

Andreas Scharf ist seit 2020 als Investment Analyst Healthcare bei apoAsset tätig. Der studierte Betriebswirt und Master of Science in Finance ist u.a. für die Analyse von Unternehmen und Märkten des Gesundheitssektors sowie für die Entwicklung neuer Anlageideen und die Weiterentwicklung von Investmentprozessen zuständig. Zudem gehört er zum Spezialisten-Team für den Fonds apo Emerging Health. Zuvor war Andreas Scharf bei der Lang und Schwarz AG tätig. Dort verantwortete er u.a. das Market Making für deutsche Aktien, die Entwicklung und Implementierung von Preisstrategien durch entsprechende Programmierung sowie Markt- und Industrieanalysen